Vom Saubermann zum Schmutzfink titelte der SPIEGEL gestern über den früheren Präsidentschaftskandidaten John Edwards. Was war passiert? Der demokratische Politiker mit dem Image eines weißen Riesen hatte in 2006 seine krebskranke Frau betrogen und wohl bei der Gelegenheit auch noch ein Kind gezeugt.
Was ist so schlimm daran, mag sich der an Skandale gewohnte Bürger fragen (eventuell nach ein paar Minuten moralischer Entrüstung). In Deutschland hat Horst Seehofer – immerhin CSU-Mitglied und Bundesminister – eine ähnliche Situation relativ schadlos überstanden. Bill Clinton kam nicht wegen der Monika in der Zigarren-Affäre so stark in Bedrängnis, sondern weil er Richter und Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt hatte.
Der Fall von Edwards liegt jedoch anders. Er hatte sich ein Saubermann-Image zugelegt, christliche Werte in den Vordergrund gestellt, die Familie als Fundament jeder Gesellschaft propagiert. Sexskandale entfalten die größte Wirkung, wenn Anspruch und Wirklichkeit besonders stark auseinander klaffen. Bei einen Bill Clinton wäre ein aussereheliches Kind vielleicht eine Woche ein Thema in den Medien, bei abgeschalteten Kameras und Mikrofonen hätte er von den meisten Männern ein joviales Schulterklopfen verbunden mit der Gratulation zur Vaterschaft bekommen. Erwischt Du Spitzbub! Clinton ist allerdings auch kein Politiker mit künstlichen Image, das passt zur Person. Seehofer hatte sogar gegenüber Pressevertretern keinen Hehl aus seiner Affaire gemacht, damit war es gar nicht das große Thema.
Edwards ist folglich ein Opfer seiner eigenen Karriere-Strategie. Seine Berater haben ihn zu einer Kunstfigur aufgebaut, die sich zu sehr von seiner wahren Persönlichkeit unterschied. Geradezu filmreif liefen im Hintergrund die Vertuschungsaktionen. Rielle Hunter (um den weiblichen Teil der Affaire beim Namen zu nennen) wurde durch Vertreter des Wahlkampfteams der Umzug organisiert und finanziell unter die Arme geholfen. Sogar die Vaterschaft wurde von einem ehemaligen Mitglied des Edwards-Wahlkampfteams übernommen. Auch als die Affaire köchelte, hat das Edwards-Team falsch reagiert.
Statt zu leugnen, was nicht zu leugnen war, hätte der Druck aus dem Kessel kontrolliert entlassen werden können. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich stehe dazu. Ich werde mich um das Kind kümmern. Dazu ein Bild des fürsorglichen Vaters mit dem süßen Baby (ohne Mutter!) und es wäre keine große Sache gewesen. 80 Prozent der Eheleute sind schon einmal fremd gegangen, das kommt in den besten Familien vor, auch in den bigotten USA. Ein paar Kratzer am Lack, aber kein Totalschaden.
Doch Edwards und sein Team entschieden sich für Leugnen und Lügen. Es ist auch keine Änderung in der Strategie zu erkennen, wenn er nun in einem Interview ein Gott und meine Ehefrau haben mir vergeben von sich gibt. Das wirkt nicht ehrlich, wirkt eher trotz Schuldeingeständnis hochnäsig. Ob sich jetzt noch ein Wechsel im Berater-Team lohnt?
