Joffe vs. Knüwer und der Niedergang des gedruckten Wortes

19.08.08

Ein erfolgreiches Internetangebot aus Amerika bedroht die Zukunft des gedruckten Wortes bzw. der Nachsatz Das brauchen wir aber mehr denn je sind die Kernaussagen eines Artikels von Josef Joffe auf der Titelseite von DIE ZEIT 34/2008. Der ehemalige Chefredakteur der Wochenzeitung bezieht sich auf die Huffington Post und die NY Times. Thomas Knüwer, der Handelsblatt-Blogger, hat sich dem Thema angenommen. Auseinandernehmen wollte er diesen Artikel wohl, hat scharf geschossen und zielsicher nicht getroffen. Persönlich hätte ich mir mehr inhaltliche Auseinandersetzung gewünscht statt Polemtik, denn es ist wirklich ein ernstes Thema.

Ich möchte hier eine Statistik in die Diskussion einbringen, die der Google Ad Planner liefert , NY Times. Die Screenshots der Statistiken stelle ich als ScreenShot zur Verfügung, da das Tool aktuell noch nicht der Allgemeinheit offen steht. Ja, Huffington Post bedroht die NY Times, zumindest die Online-Ausgabe. Von der Demographie fällt nur ein Unterschied ins Auge: Huffington Post ist eindeutig männlicher. Ansonsten geben sich die Leser nicht viel, überraschend ist vielleicht, dass die Huffington Post ältere Leser hat als die Online-Ausgabe der NY Times. Beide Nachrichtenportale sprechen ansonsten ziemlich die gleiche Zielgruppe an: hoher Bildungsgrad, hohes Einkommen.

Mit diesen Zusatzinformationen versorgt muss man eine Bedrohungssituation für die NY Times erkennen, vor allem wenn man die Zugriffszahlen noch mit berücksichtigt. Das Herunterspielen ist unangebracht. Im Februar setzte bei der Huffington Post ein signifikanter Anstieg der eindeutigen identifizierbaren Besucher ein. Knapp 3,8 Millionen Unique Visitors waren das dann weltweit in den vergangenen 30 Tagen, die NY Times brachte es im gleichen Zeitraum auf 29 Millionen.

Was Herr Knüwer anscheinend nicht kapiert hat: Macht das “kreative Modell” Huffington Post für die Content-Generierung im professionellen Bereich Schule, ist nicht nur die NY Times (die m.E: sowieso nur ein Beispiel war) bedroht. Es sind ausschließlich Abschreib- und Umformulierungen, die die Mitarbeiter von Huffington Post zu leisten haben.

Ohne Mann/Frau vor Ort: Wo hat die Online-Gazette die Nachricht her, beispielsweise über den Krieg im Kaukasus? Von Medien, die Korrespondenten vor Ort haben oder Agenturen dafür bezahlen. Hier parasitiert Huffington Post, wenn man es so ausdrücken will. Es geht hier nicht um Lokalnachrichten, es geht um die globalen News, die eben Journalisten vor Ort benötigen. Objektive Recherche, nicht subjektive Eindrücke von Bloggern und Twitterern. Das ist es, was Geld kostet. Lokalnachrichten? Hier wird (auch in Deutschland) gern ein “freier Kollege” geschickt. Bei wichtigen Ereignissen bemüht sich ein Redakteur.

Leider schreibt der Wirtschaftjournalist über Fakten, die er nicht kennt, bzw. über AUtomatismen über die er nun wirklich nicht Bescheid weiss. Den Vorwurf, die Huffington Post würde von anderen Medien leben, versucht er mit den Hinweisen auf die Originalquelle zu entwerten: Nun weiß ich nicht, welchen Part Joffe meint. Im unteren Teil der Huffington Post gibt es eine Linkliste. Leser können dort auf die News-Seiten anderer Medien gelangen. Wer sich wie ich so lange und so intensiv mit News Communities beschäftigt hat wie ich, der kann über dererlei Aussagen nur den Kopf schütteln. Natürlich wird die Originalquelle verlinkt, doch aus meinen Erfahrungen mit der einzigen ernstzunehmenden News Community in Deutschland, nämlich ShortNews, kann ich sagen, dass die Klickrate auf die Originalquelle bei unter 20 Prozent liegt, wenn die Zusammenfassung gut ist und darauf achtet man bei der Huffington Post. Wenn ich mir ich mir die durchschnittlichen Visits pro Besucher bei Huffington Post (zwischen 3,8 und 4,4) ansehe, wird sich die Klickrate auf die Originalquelle wohl ebenfalls in dieser Höhe bewegen.

Mit weniger Polemik und objektiver Betrachtungsweise hätte Herr Knüwer seinem Verlagskollegen Joffe zustimmen müssen. Ja, das Modell Huffington Post bedroht den Qualitätsjournalismus. Die Herren Kommentatoren (es waren anscheinend tatsächlich nur Männer oder was man weitläufig darunter versteht), schafften es meist sogar noch unter das Knüwersche Niveau.

Eine Andere Frage ist, ob wir tatsächlich das gedruckte Wort brauchen. Meine Antwort darauf ist ein klares JA. Allerdings gibt es diesen ebenso im Rundfunkt und Online-Medien.

Matthias

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