SEO United hat Blogger dazu aufgerufen, sich Gedanken über die Zukunft des Internet zu machen. Ich werde mich auf den kleinen Teil des Internet beschränken, der augenscheinlich bei den “Internet-Nutzern” am präsentesten ist, dem Word Wide Web.
Um einen Blick in die Zukunft zu wagen, müssen wir zwingend die vergangenen Jahre analysieren. Revolutionen kann ich nicht erkennen, Revolten ohne Systemwechsel vielleicht. Im Grunde baut das sich so modern gebende Web 2.0 – wenn man es so ausdrücken will – auf Uralt-Technologien.
Greifen wir uns mit StudiVZ ein Vorzeigeprojekt des WebZwoNull (wie es in meinen Ohren so ironisch klingt):
- Das Anzeigegerät ist ein Browser. Der erste Browser, der Bilder direkt zusammen mit Text anzeigen konnte hiess Mosaic und die Version 1.0 war am 21. April 1993 zu haben.
- Das der Übertragung zugrunde liegende Protokoll heisst HTTP und wurde im Jahr 1989 festgelegt.
- Für die serverseitige Dynamik sorgt im Kern das gleiche Prinzip, das man vom CGI her kennt. Die ersten Webserver, die mit CGI umgehen konnten, sind im Jahr 1995 zu finden.
- Clientseitiges Scripting mit JavaScript, unentbehrlich für das Web der angeblich zweiten Generation, konnte auch schon der Netscape Navigator von 1995; ironischer Weise war dies wirklich die Version 2.0 des Browsers.
Natürlich wurden hier und da die Technologien verbessert. Unter Quantensprüngen verstehe ich etwas anderes, man sollte vielleicht von kontinuierlicher Verbesserung durch Erfahrungswerte sprechen. Es lässt sich jedoch nicht wegdiskutieren, dass die Technologien deutlich mehr als 10 Jahre auf dem Buckel haben.
Selbst die Prinzipien des WebZwoNull sind uralt. Das Wikiprinzip stammt aus dem Jahr 1993. Weblogs sind kastrierte Foren, die es schon genau so lange wie Gästebücher (mögen diese in Zeiten von Web 2.0 andere Namen tragen) gibt, die wiederum sofort nach Verfügbarkeit von CGI entstanden sind.
Warum gab es StudiVZ also nicht schon Mitte der 1990iger? Es lang schlicht an den damals verfügbaren Ressourcen und nicht an der Genialität der StartUp-Gründer von heute. Wer an einem Intel Pentium mit 90 MHz sitzt, der traut sich eben an vergleichsweise rechenintensive JavaScripte und speicherfressende Browser-Plugins gar nicht denken. Schnell mal ein Bild mit 2MB hochladen, mit einen 56kb Modem und irren Einwahlpreisen?
Wenn wir also davon ausgehen, dass einzig die Verbilligung des Zugangs bei gleichzeitig steigender Leistungsfähigkeit der Hardware die Triebfeder für Neuerungen im World Wide Web ist, hier aber keine großen Sprünge mehr zu erwarten sind, dann ist die Zukunft des Internets überschaubar. Sie wäre überschaubar, gäbe es nicht die nicht kalkulierbare Variable Mensch.
An dieser Stelle hole ich meine Glaskugel aus dem Schrank, die in etwa genau so zielsicher funktioniert wie die Trendindikatoren der Zukunftsforscher und Jenseits-der-Morgenröte-Gurus. Mit Humor nehme ich es, dass heute die gleichen Figuren das mobile Internet hochschreiben, die 2002 am liebsten jedes Stück Unternehmenssoftware in einen SOAP-Webservice verwandelt und das komplette e-Business einer SOA untergeordnet hätten. Ich würde sagen von den ersten Kilometern auf den Weg dort hin haben wir die ersten 30cm relativ erfolgreich zurück gelegt.
Für die kommenden fünf Jahre sehe ich nicht einmal Revolten im System. Ich halte es mit meinem ehemaligen Marketing-Professor, der immer ganz physikalisch davon gesprochen hat, dass Druck einen Gegendruck erzeugt und jeder Trend auch einen Gegentrend. Soziologisch gesehen ist die im Mainstream angekommene Umweltbewegung ein Ergebnis des Modernisierungswahns der 1970iger. Derartige Prozesse können im Web schneller ablaufen.
Ein gegenläufiger Trend zur virtuellen Massenverbrüderung a la StudiVZ könnte der Aufbau von auf Vertrauen/Vertrautheit basierenden Gruppen sein. Wahrscheinlich kündigt sich dieser Gegentrend in Form von Barcamps (persönliches Treffen!) bereits an. Kein digitaler Seelenstriptease mehr in Form von gezwitscherten Banalitäten, sondern vertrauliche Gespräche unter Freunden über abgeschirmte Kanäle? Vielleicht … wahrscheinlich … mit Sicherheit?
Ganze Regale mit Büchern könnte man (nicht ich!) über Zukunftsvisionen des Web füllen – oder im Bild zu bleiben, vielleicht eine Daten-DVD (nur Text, ohne Multimedia). Trotzdem möchte ich noch auf eine Gefahr für den Internethandel hinweisen, der in den Köpfen der Online-Fanatiker doch so gerne von der Realwelt abgekoppelt wird. Und bei dieser Prognose bin ich mir ziemlich sicher: Der Dämpfer wird kommen und Web-Illusionisten werden ganz hart aufschlagen. Produkte müssen verschickt werden, die Transportkosten steigen jedoch. eBay wird dies m.E. hart treffen und auch Vergleichsplattformen, spätestens wenn die Logistik den Preisvorteil aufgefressen hat.
Damit möchte ich an Einschätzungen gut sein lassen, denn ich bin lieber Realist mit Bauchgefühl und möchte auch weiterhin als solcher gelten. Das Orakeln überlasse ich gerne anderen Menschen.
